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Wie man passives Einkommen mit Aktien aufbaut: Der Leitfaden

Passives Einkommen mit Aktien ist möglich, aber die Wahrheit ist unbequem: Für 500 Euro monatlich brauchen Sie 150.000 bis 300.000 Euro Kapital. Wie der Mechanismus wirklich funktioniert – und warum die Aufbauphase entscheidend ist.

Wie man passives Einkommen mit Aktien aufbaut: Der Leitfaden

Passives Einkommen mit Aktien aufbauen: was wirklich dahintersteckt

„Wie viel Kapital brauche ich eigentlich, um monatlich 500 Euro aus Dividenden zu bekommen?" Diese Frage bekomme ich in meinem Bekanntenkreis mindestens einmal im Monat gestellt. Und fast immer folgt ein enttäuschtes Gesicht, wenn ich ehrlich antworte. Denn die Rechnung ist unromantisch: Bei realistischen Dividendenrenditen von 2 bis 4 Prozent brauchen Sie für 500 Euro im Monat grob 150.000 bis 300.000 Euro Kapital. Vor Steuern.

Das ist die unangenehme Wahrheit, die in vielen Ratgebern unter den Tisch fällt. Passives Einkommen mit Aktien existiert, es funktioniert sogar richtig gut über lange Zeiträume. Aber es entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Mechanismus, den man einmal verstehen muss.

Wichtige Erkenntnisse

  • Passiv heißt nicht arbeitsfrei: Kapital aufbauen kostet Jahre, danach läuft es weitgehend von selbst.
  • Die realistische Dividendenrendite breit gestreuter Portfolios liegt bei 2 bis 4 Prozent pro Jahr.
  • Die Abgeltungssteuer beträgt 25 Prozent plus Soli, der Sparerpauschbetrag liegt bei 1.000 Euro pro Person (2.000 Euro für Verheiratete).
  • Dividenden-Aktien und thesaurierende ETFs plus Verkäufe sind kein Entweder-oder, sondern zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel.
  • Ohne Wiederanlage in der Aufbauphase verschenken Sie den größten Teil des Zinseszinseffekts.

Wie passives Einkommen mit Aktien überhaupt funktioniert

Der Mechanismus hat zwei Etagen, und die werden ständig verwechselt. Etage eins ist der Aufbau: Sie kaufen regelmäßig Anteile, lassen Dividenden laufen, und über Jahre wächst Ihr Depot. Etage zwei ist die Entnahme: Ab einem bestimmten Punkt reicht die jährliche Ausschüttung, um einen Teil Ihrer Ausgaben zu decken.

Wie passives Einkommen mit Aktien überhaupt funktioniert

Klingt simpel. Ist es auch. Das Schwierige ist nicht das Konzept, sondern die Zeit dazwischen.

Etage eins: der Aufbau

In dieser Phase arbeiten Sie im Prinzip für Ihr Depot, nicht Ihr Depot für Sie. Das ist der Teil, den kaum jemand hören will. Ich habe selbst zwei Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass die monatliche Sparrate wichtiger ist als der perfekte Einstiegszeitpunkt. Klingt nach Kalenderweisheit, ist aber der Punkt, an dem die meisten aussteigen.

Was konkret passiert: Sie zahlen monatlich einen festen Betrag ein, idealerweise per Sparplan automatisiert. Die ausgeschütteten Dividenden fließen zurück ins Depot, statt auf dem Konto zu versanden. Nach ein paar Jahren macht der Zinseszins einen sichtbaren Unterschied. Nach zehn Jahren macht er den Unterschied.

Etage zwei: die Entnahme

Hier wird es interessant. Sobald die jährlichen Ausschüttungen eine nennenswerte Größe erreichen, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie lassen sich das Geld auszahlen, oder Sie verkaufen zusätzlich einen Teil Ihrer Anteile.

Und jetzt kommt ein Punkt, den viele überrascht: Die zweite Variante ist steuerlich oft günstiger. Dazu gleich mehr, denn hier trennt sich Theorie von Praxis.

Dividenden-Aktien oder ETFs? Eine ehrliche Gegenüberstellung

Als ich anfing, dachte ich, Einzelaktien seien der einzig wahre Weg. Heute sehe ich das anders, und ich habe dafür Lehrgeld bezahlt.

Dividenden-Aktien oder ETFs? Eine ehrliche Gegenüberstellung

Zwei Fehler aus meinen ersten Jahren: Ich habe mich in einen dividendenstarken Tabakwert verliebt, weil die Rendite bei über 6 Prozent lag. Zwei Jahre später wurde die Dividende gekürzt, der Kurs fiel mit, und ich saß auf einem Verlust, den ich steuerlich nicht einmal richtig verrechnen konnte. Der zweite Fehler war genauso klassisch: Ich habe die Dividenden ausgegeben statt reinvestiert. Das waren vielleicht 400 Euro im ersten Jahr. Über zehn Jahre gerechnet fehlt mir jetzt ein Vielfaches davon.

Strategie Realistische Rendite p.a. Steuerliche Behandlung Aufwand
Dividendenaktien (Einzelwerte) 3 bis 5 Prozent Ausschüttung Abgeltungssteuer auf jede Ausschüttung, sofort fällig hoch: Auswahl, Beobachtung, Nachkaufen
Dividenden-ETF (ausschüttend) 2 bis 3,5 Prozent Abgeltungssteuer, Teilfreistellung von 30 Prozent greift niedrig: ein Sparplan, fertig
Thesaurierender ETF + Verkäufe kein Cashflow bis zum Verkauf Steuer nur beim Verkauf, Teilfreistellung greift niedrig, aber erfordert Disziplin
Hochdividenden-Strategie (REITs, BDCs) 5 bis 8 Prozent Ausschüttung wie oben, teils Quellensteuer im Ausland mittel bis hoch, Sektorrisiko

Der Unterschied, den kaum jemand erklärt

Bei einem thesaurierenden Aktien-ETF greift die sogenannte Teilfreistellung: 30 Prozent der Erträge sind steuerfrei, weil die Fondsgesellschaft bereits auf Ebene der enthaltenen Unternehmen Steuern gezahlt hat. Bei Einzelaktien haben Sie diesen Vorteil nicht. Das verschiebt die Rechnung erheblich, gerade bei größeren Depots.

Grob gerechnet: Wenn Sie 10.000 Euro Dividenden pro Jahr einnehmen, zahlen Sie auf einem ausschüttenden Aktien-ETF durch die Teilfreistellung spürbar weniger Steuern als bei der gleichen Summe aus Einzelaktien. Der Unterschied liegt schnell im niedrigen dreistelligen Bereich pro Jahr. Über Jahrzehnte summiert sich das.

Welches Kapital brauchen Sie konkret?

Rechnen wir es durch, mit ehrlichen Zahlen statt Wunschdenken.

Welches Kapital brauchen Sie konkret?
  • 200 Euro im Monat: Sie brauchen rund 60.000 bis 120.000 Euro Kapital, je nach Rendite.
  • 500 Euro im Monat: etwa 150.000 bis 300.000 Euro.
  • 1.000 Euro monatlich: die doppelte Summe, also 300.000 bis 600.000 Euro.
  • 2.000 Euro: Da landen Sie bei 600.000 bis 1,2 Millionen Euro, und das ist die Größenordnung, in der viele FIRE-Rechner arbeiten.

Diese Zahlen schwanken stark, weil die angenommene Rendite den Ausschlag gibt. Bei 2 Prozent brauchen Sie fast das Doppelte wie bei 4 Prozent. Wer Ihnen eine feste Zahl nennt, verkauft Ihnen etwas.

Wichtiger als die Zielsumme ist die Sparrate. Wenn Sie monatlich 500 Euro über 20 Jahre bei durchschnittlich 5 Prozent Rendite anlegen, kommen Sie grob auf 200.000 Euro. Das sind rund 8.000 Euro im Jahr, bei 4 Prozent Entnahmerate also etwa 660 Euro im Monat. Vor Steuern, versteht sich. Das ist kein Luxus, aber es ist echte Entlastung.

Was von den Dividenden am Ende übrig bleibt

Die Abgeltungssteuer beträgt 25 Prozent, dazu kommen 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag auf die Steuer, was effektiv etwa 26,4 Prozent macht. Bei Kirchenmitgliedern kommt noch die Kirchensteuer dazu, dann sind es je nach Bundesland bis zu rund 28 Prozent.

Der Sparerpauschbetrag liegt bei 1.000 Euro pro Person, 2.000 Euro bei Zusammenveranlagung. Bis zu dieser Grenze bleiben Kapitalerträge steuerfrei, sofern Sie einen Freistellungsauftrag bei Ihrer Bank eingerichtet haben. Wenn Sie das nicht gemacht haben: dringend nachholen, es kostet bares Geld.

Rechnen wir das Beispiel: 10.000 Euro Dividenden im Jahr, verheiratet, kein weiteres Kapitaleinkommen. Ziehen Sie 2.000 Euro Pauschbetrag ab, bleiben 8.000 Euro. Bei Teilfreistellung von 30 Prozent sind davon nur 5.600 Euro steuerpflichtig. Darauf rund 26,4 Prozent Abgeltungssteuer, das macht ungefähr 1.478 Euro. Es bleiben Ihnen also etwa 8.522 Euro netto. Ohne Teilfreistellung wären es rund 1.100 Euro Steuern mehr.

In fünf Schritten zum ersten Cashflow

Die Theorie kennen Sie jetzt. Die Umsetzung sieht konkret so aus:

  1. Depot eröffnen, einen günstigen Neobroker oder eine Direktbank wählen, auf Kosten achten.
  2. Freistellungsauftrag einrichten. Sofort, nicht irgendwann.
  3. Eine feste monatliche Sparrate festlegen, die Sie auch in einem schwachen Monat durchhalten.
  4. Breit gestreuten Aktien-ETF als Basis wählen, ausschüttend oder thesaurierend, je nach Geschmack. Wer Cashflow will, nimmt ausschüttend.
  5. Dividenden reinvestieren, bis Sie sie wirklich brauchen. Erst in der Entnahmephase lassen Sie sie aufs Konto fließen.

Der fünfte Punkt ist der, den ich selbst am längsten ignoriert habe. Er ist aber mathematisch der wirkungsvollste.

Ab wann lohnt sich der Aufwand überhaupt?

Ehrlich gesagt: Es gibt keinen magischen Betrag, ab dem sich das lohnt. Der Effekt skaliert mit der Zeit, nicht mit der Einzahlungssumme. Ein Depot mit 20.000 Euro, das zehn Jahre lang läuft, kann mehr wachsen als ein Depot mit 50.000 Euro, das zwei Jahre läuft und dann vergessen wird. Wer den Zeitfaktor unterschätzt, verliert.

Ein Detail aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe 2021 angefangen, Positionsgrößen zu berechnen, und stellte fest, dass ich über Jahre hinweg viel zu konzentriert investiert hatte. Ein einziger Wert machte 18 Prozent meines Depots aus. Heute liegt keine Position über 8 Prozent, außer den ETFs selbst. Das hat meine Volatilität spürbar gesenkt, ohne die Rendite zu drücken.

Häufige Fragen zum passiven Einkommen mit Aktien

Passives Einkommen kann man auch ohne Startkapital generieren?

Mit Aktien nicht, jedenfalls nicht sofort. Ohne Kapital gibt es keine Anteile, ohne Anteile keine Dividenden. Was möglich ist: mit einer kleinen monatlichen Sparrate anfangen, etwa 25 oder 50 Euro, und diese Rate kontinuierlich erhöhen. Der Einstieg ist auch ohne Startkapital möglich, das Ergebnis ist nur kleiner und dauert länger. Wichtig ist, es nicht mit anderen Formen passiven Einkommens zu verwechseln, bei denen Sie mit Arbeit statt Geld bezahlen, etwa Content oder Onlinekurse.

Wie sieht ein realistisches Beispiel aus?

Nehmen wir eine 34-jährige Angestellte, die monatlich 300 Euro in einen ausschüttenden Welt-ETF einzahlt. Nach 15 Jahren hat sie bei durchschnittlich 6 Prozent Rendite etwa 87.000 Euro im Depot. Die Ausschüttungen liegen bei rund 2,5 Prozent, also etwa 2.175 Euro im Jahr, nach Steuern und Sparerpauschbetrag bleiben ihr ungefähr 1.700 Euro. Das sind etwa 140 Euro im Monat. Nicht die Welt, aber ein Anfang, und das ohne weiteren Aufwand ab dem ersten Sparplan.

Passives einkommen erfahrungen: Wie fühlt sich das an?

Die ehrlichste Antwort: Anfangs völlig unspektakulär. Meine ersten Dividendenzahlungen lagen im Bereich von 8 bis 15 Euro pro Quartal. Ich habe sie damals fast belächelt. Nach einigen Jahren kamen dann dreistellige Quartalsbeträge, und irgendwann überstieg die jährliche Ausschüttungssumme die Kosten meiner privaten Haftpflicht- und Hausratversicherung. Das war der Moment, in dem ich begriffen habe: Es funktioniert tatsächlich, nur langsamer, als man sich das wünscht.

Was ich heute anders machen würde

Zum Abschluss drei Dinge, die ich mit meinem heutigen Wissen sofort ändern würde.

Erstens: Nicht auf Einzelaktien setzen, zumindest nicht am Anfang. Die Auswahl ist Arbeit, und die meisten Privatanleger schlagen den Markt nicht. Ich auch nicht, zumindest nicht zuverlässig.

Zweitens: Den Freistellungsauftrag sofort einrichten, nicht nach drei Jahren. Das waren bei mir ungefähr 200 Euro, die ich dem Finanzamt geschenkt habe.

Drittens: Nicht das Depot optimieren, sondern die Sparrate erhöhen. Eine Erhöhung um 50 Euro monatlich bringt über zwanzig Jahre gerechnet mehr als jede clevere Umschichtung.

Und was mache ich jetzt mit dem Geld? Ich verkaufe die ausgeschütteten Beträge nicht, sondern lasse sie weiterlaufen. Die erste Position, die ich verkaufen werde, wird eine sein, bei der es mir schwerfällt. Ich habe bis heute keine einzige verkauft.

Passives Einkommen mit Aktien ist real. Es ist nur nicht so spektakulär, wie es klingt. Der schwierigste Teil ist nicht die Auswahl der richtigen Aktien, sondern der Tag, an dem Sie zum ersten Mal eine Position mit Verlust verkaufen müssten und sich entscheiden, es nicht zu tun. Genau dort entsteht sie, die Rendite, die am Ende für Sie arbeitet.

Matthias Köhler

Matthias Köhler

Matthias Köhler schreibt über Technologie, Wirtschaft und Finanzen — und über die Stelle, an der die drei aufeinandertreffen. Er misstraut runden Zahlen und großen Ankündigungen, und rechnet lieber selbst nach, bevor er etwas empfiehlt.

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